Die Kunst der Grammatik

Wer im Mittelalter studieren wollte, musste zuerst die sieben freien Künste lernen. Die erste davon ist die Grammatik, die Kunst, sprachlich richtige und verstehbare Sätze zu bilden bzw. solche zu analysieren. Die zweite freie Kunst ist die Rhetorik, die Kunst der Beredsamkeit, die es als Stilmittel auch erlaubt, Abweichungen von der korrekten Grammatik einzusetzen.

Ein schönes Beispiel dafür gab gestern bei der Podiumsdiskussion im neuen Cottbuser Stadthaus die brandenburgische Wissenschaftsministerin. Auf die mehrfach geäußerte Bitte, den Nutzen der Hochschulfusion in einem Satz zusammenzufassen, antwortete sie mit einem jeweils  anderen sehr langen Satz, der nicht nur mit seiner Länge, sondern auch in der Häufigkeit des Einsatzes rhetorischer Mittel wie Ellipse und Anakoluth selbst Cicero und Seneca beeindruckt hätte.

Ich möchte vorschlagen, dass jemand die Sätze verschriftlicht, sodass die Bildungsministerin diese im kommenden Deutschabitur grammatisch und rhetorisch analysieren lassen kann, eine sicherlich hinreichend anspruchsvolle Aufgabe. Nachdem es gestern niemand gelungen war, schafft es vielleicht einer der Abiturienten herauszufinden, was die Ministerin eigentlich sagen wollte.

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Antifaschistische Wissenschaftspolitik

Brandenburg ist ein leuchtendes Vorbild. Während im Osten Deutschlands immer mehr Menschen rechtsextrem denken, versucht unsere Landesregierung, sich in allen Belangen vom Faschismus abzugrenzen. Anne C. Nagel berichtet über ihre Recherchen zum Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung:

Mich hat vor allem erstaunt, dass fast alle Maßnahmen nicht einfach angeordnet wurden, sondern einem breiten Diskurs ausgesetzt waren. Nicht etwa nur in der Partei.

In Brandenburg dagegen setzt man wissenschaftspolitische Maßnahmen ohne jeden Diskurs durch. Ein wahrer Leuchtturm des Antifaschismus.

Hurra, wir schreiben Geschichte!

Jetzt ist es raus. Die Ministerin hat es selbst verraten. Bei den Fusionsplänen für die Brandenburger Hochschulen geht es nicht ums Sparen oder Mehrausgaben. Es geht nicht um Verbesserung oder Verschlechterung, auch nicht darum, einen neuen Hochschultyp zu etablieren oder einen verflossenen wiederzubeleben. Nein. Es geht um viel mehr: Brandenburg soll Geschichte schreiben.  Da ist schon das Ziel preiswürdig. So wurden schon einige der Darwin Awards an Menschen vergeben, die versucht hatten, Geschichte zu schreiben. Etwa an einen Menschen in den USA, der mit dem ersten raketengetriebenen Chevy Impala in die Annalen eingehen wollte, oder an den Berliner Rentner, der der erste sein wollte, der sein Wochenendgrundstück mittels Starkstrom maulwurfsfrei halten kann.

Wie, Sie finden die Beispiele albern, weil es ja nur Einzelpersonen sind, die Ziele eher niedrig gesteckt, und die Kandidaten es am Ende doch nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben? Es sollten doch größere, politische Ziele sein, und man müsste die Ergebnisse in den Geschichtsbüchern finden. Kein Problem: Es gab immer wieder Menschen und Staaten, die dadurch in die Geschichte eingehen wollten, dass sie Russland eroberten. Einer der frühen Kandidaten war König Carl XII von Schweden, der nach seinen militärischen Erfolgen in Deutschland und Polen ein richtiges Großprojekt angehen wollte. Ein besonders prominentes Beispiel ist Napoleon Bonaparte, der sein einschlägiges Projekt tatsächlich überlebte. Zuletzt war es Adolf Hitler, der sich daran versuchte – gegen den Willen seiner militärischen Ratgeber, die sich zunächst mit der Hauptstadt zufrieden geben wollten.

Sie sind noch nicht einverstanden? Sie möchten nicht mit Menschenverächtern und ihren menschenverachtenden Zielen in Verbindung gebracht werden? Dann wenden wir uns den erklärten Menschenfreunden zu: Karl Marx, Friedrich Engels und ihre Nachfolger wollten uns das Paradies auf Erden bringen, Bayer das ultimative Hustenmittel und IBM das papierfreie Büro. Grünenthal wollte alle Schwangerschaftsbeschwerden vergessen machen und Kaiser Wilhelm II uns herrlichen Zeiten entgegenführen. Sie alle wollten mit ihren Wohltaten Geschichte schreiben und haben auch wirklich ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden. Nun soll ihnen Brandenburg nachfolgen. Hurra, wir schreiben Geschichte.

Der strategische Föhn

Rolf Dobelli hat nachgelegt. Nach der Kunst des klaren Denkens [1] nun Die Kunst des klugen Handelns [2]. Dort widmet er auch ein Kapitel strategischen Falschangaben und der Frage, warum immer derjenige den Job, den Zuschlag, seinen Willen oder ganz einfach Recht bekommt, der die meiste heiße Luft produziert, wo große Versprechungen für Zeitpläne, Erfolgsquoten etc. gemacht werden, die sich nie und nimmer erfüllen lassen.  Er schreibt

Am anfälligsten für strategische Falschangaben sind Megaprojekte, bei denen a) niemand so richtig die Verantwortung trägt (weil zum Beispiel die Regierung, die das Projekt in Auftrag gegeben hat, schon lange wieder abgewählt wurde), Projekte, in die b) viele Unternehmen eingebunden sind, die sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben können, und bei denen c) die Fertigstellung frühestens in ein paar Jahren erwartet wird.

Für die Punkte b) und c) ist im Falle der Hochschulfusion gesorgt. Es wurden und werden mehrere Kommissionen eingesetzt, das Ministerium spielt mit, und die Hochschulen werden zwangsweise beteiligt. Da diese am längsten dabei sein werden, wird man ihnen am Ende auch die Schuld geben. Damit ist b) abgehandelt. Zu Punkt c) hat die Ministerin bereits gesagt: „2013 wird allerdings erst der Startpunkt einer Entwicklung, die von den Leuten vor Ort mit sehr viel Freiheit ausgestaltet werden muss. … Bis man weiß, wohin man will, werden nach der Neugründung vermutlich schon noch zwei Jahre vergehen.“ Das Ergebnis kann also frühestens nach der nächsten Wahl feststehen.

Als Mittel zum Schutz vor solchen Falschangaben empfiehlt Dobelli

Betrachten Sie Laufzeit, Nutzen und Kosten vergleichbarer Projekte, und verlangen Sie eine Begründung, warum der vorliegende Plan so viel optimistischer ist. Geben Sie den Plan einem Finanzmann, der ihn gnadenlos zerpflückt. Nehmen Sie eine Klausel in den Vertrag, der scharfe Geldstrafen für Kosten- und Terminüberschreitungen vorsieht. Und lassen Sie sich die Geldstrafe sicherheitshalber schon mal auf ein Sperrkonto überweisen.

Nun sollte sich die Höhe dieser Geldstrafen an der Höhe der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen orientieren. Bei Hochschulfragen sind das – die volkswirtschaftlichen Folgen eingerechnet – schnell mal Milliardenbeträge. Hat schon jemand die finanziellen Verhältnisse von Herrn Platzeck und Frau Kunst eruiert?

Literatur:

  1. Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens, Carl Hanser Verlag (2011)
  2. Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns, Carl Hanser Verlag (2012)

Die Euro-Universität

Kurt Biedenkopf hat sich über Helmut Kohls Rolle bei der Einführung des Euro geäußert. Auf Welt Online lese ich

„Helmut Kohl war der Zeitplan letztlich wichtiger als die Stabilität“, sagte Biedenkopf dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Darum habe Kohl auch sein politisches Schicksal mit dem Euro verbunden, was eine rationale Debatte verhindert habe.

Unwillkürlich fallen mir dabei Parallelen zur Brandenburgischen Hochschulpolitik ein. Sollte die fusionierte Hochschule nicht besser Euro-Universität heißen?

Wir freuen uns schon drauf!

Gestern hat der Ministerpräsident endlich verraten, weshalb die Hochschulfusion ein Bekenntnis zur Lausitz ist. Das hätte er schon früher tun sollen. Damit hätte sich seine Wissenschaftsministerin deutlich weniger Feinde gemacht. Er hat erklärt, dass nicht nur alle 228 Professuren in der Lausitz erhalten bleiben, sondern auch mehr Geld kommen soll. Er hat zwar nicht gesagt wieviel, aber sein Schweigen und die Zustimmung des Cottbuser Oberbürgermeisters lassen nur einen Schluss zu: Genügend. Ausfinanzierung. Was eine ausfinanzierte TU mit 228 Professuren bedeutet lässt sich an der gleich großen TU Braunschweig ablesen: 205 Millionen Euro jährliche Grundfinanzierung. Das sind 140Millionen mehr als bisher. 140 Millionen! Wenn das mal kein Wort ist. Zum Vergleich: Um die derzeitigen Professuren der BTU auszufinanzieren hätten es schon 60 Millionen zusätzlich getan, um die Studienplätze auszufinanzieren 30 Millionen. Mit 20 Millionen mehr Grundfinanzierung hätte man bereits die rote Laterne bei der Finanzierung der TU-Studienplätze an die Berliner abtreten können. Aber 140 Millionen, siebenmal so viel! Davon hätte hier keiner zu träumen gewagt. Was man damit alles anfangen kann! Gerade jetzt, wo etliche Professuren frei sind und in den nächsten Jahren noch mehr frei werden. Da kann man wirklich die Crème de la Crème der Wissenschaft in die Lausitz holen. Die besten Professorinnen und Professoren, Postdocs, Doktoranden. Die besten jungen Leute Deutschlands werden hier studieren und die Lausitz zur neuen Boomregion machen. Es gibt jede Menge Ausgründungen, und Brandenburg wird das kommende High-Tech Bundesland. Auch bei der Forschung werden wir nach vorne springen. Es ist dann nicht mehr die Frage, ob es gelingt, einen Sonderforschungsbereich an Land zu ziehen, sondern wie viele. Die Heisenbergler und Lichtenbergler werden sich darum schlagen, zu uns zu kommen, die Humboldt-Stipendiaten Schange stehen. Die Lausitz wird geradezu in Drittmitteln schwimmen. Da müssen sich die TU9 warm anziehen, denn wir werden nicht nur die Studiengangsrankings gewinnen, sondern auch die Forschungsrankings.

DFG, wir kommen!

Nur eines ist merkwürdig: Gerade mal fünf Minuten vor der Ankündigung des Ministerpräsidenten hat uns die Bildungs- und ehemalige Wissenschaftsministerin wortreich erklärt, weshalb Brandenburg nicht mehr Geld für seine Hochschulen übrig hat……? …….?

Die Propheten sind unter uns

Die Ministerin hat sich zurückgemeldet, diesmal als Prophetin. Sie verkündet der Lausitz einen Bevölkerungsrückgang von einem knappen Viertel für die nächsten zwanzig Jahre. Damit begründet sie ihre Pläne zur Hochschulschließung, weil folglich auch die potentiellen Studienanfänger ausgehen.

Das erinnert mich an einen Kollegen, der mir kürzlich von seinen Erlebnissen in NRW erzählte. Dort wurde den Hochschulen vor etwa zwanzig Jahren ein ähnlicher Rückgang vorausgesagt. Der Kollege wurde in eine Kommission berufen, die festzulegen hatte, welche Professuren und Mitarbeiterstellen dafür wegfallen sollen. Doch, obwohl man etliche der Streichungen tatsächlich durchgeführt hat, wollte sich der Rückgang bei den Anfängerzahlen bis heute nicht einstellen.

Da möchte man am liebsten selber zum Propheten werden. Aber vielleicht ist es doch besser, wenn ich es mit Tony Blair halte, von dem der Ausspruch überliefert ist

Ich mache keine Vorhersagen. Ich habe nie, und ich werde nie.
(Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, S. 167)