Exponentialrechnung à la Brandenburg

Im Rahmen der Hochschuldiskussion haben uns die Politiker immer wieder erklärt, eine Fusion würde dazu führen, dass sich die Stärken von Universität und Fachhochschule gegenseitig potenzieren. Als Mathematiker habe ich nun überlegt, was das genau bedeutet.

Da Hochschulen grundsätzlich etwas positives sind, steht jede für eine positive Zahl. Nun handelt es sich um verschiedene Hochschultypen. Daher muss jede auch für einen anderen Typ von Zahl stehen. Bei positiven Zahlen gibt es aber nur zwei solche Typen, die sich entsprechend unterscheiden: Zahlen, die größer oder kleiner als Eins sind. Nehmen wir also zum einfacheren Rechnen 1/2 und 4. Welche Zahl zu welchem Hochschultyp gehört ist egal. Hauptsache verschieden. In Summe haben wir also zunächst 4,5. Nehmen wir nun die vierte Potenz von 1/2, so erhalten wir 1/16. Vier hoch 1/2 ist gerade Zwei. Wir haben also in Summe 2,0625. Das ist knapp die Hälfte dessen, was wir vorher hatten.

Im Übrigen ist es egal, von welchen Zahlen wir ausgehen. Solange sie zu den verschiedenen Typen gehören, also eine kleiner, eine größer als Eins, verkleinern sich beide durch das gegenseitige Potenzieren. Damit ist klar, was die Landesregierung mit der Lausitz vorhat.

Weshalb der Eiffelturm nicht in Brandenburg steht

Zu behaupten, das läge daran, dass Gustave Eiffel kein Deutscher, sondern Franzose war, greift zu kurz. Schließlich steht eines seiner berühmtesten Werke in New York, was bekanntlich weiter von Frankreich entfernt ist als unser kleines Bundesland. Es gibt aber echte Gründe, weshalb der Eiffelturm nicht hier steht:

  1. Man beauftragte mit Eiffel und seinem Ingenieurbüro erfahrene Leute, die  bereits mehrere ähnliche Projekte erfolgreich gebaut hatten, etwa die Ponte Maria Pia bei Porto, den Garabit-Viadukt im Zentralmassiv oder die Tragkonstruktion der Freiheitsstatue. In Brandenburg ist man da weiter. Will man die Hochschulen in der Lausitz verbessern, so lässt man die zuständige  Kommission vom ehemaligen Chef  einer Großforschungseinrichtung leiten, der schon länger aus dem universitären Alltagsbetrieb heraus ist. Für die Hochschulstrukturkommission wählt man den ehemaligen Präsidenten eines zwischenzeitlich aufgegebenen Gesamthochschulprojekts und als Beauftragten für die Hochschulfusion einen pensionierten Ministerialdirigenten. Den Aufsichtsrat für den Flughafenneubau hat man gleich mit Politikern und Lobbyisten besetzt.
  2. Man plante den Turm fertig, ehe man mit dem Bau begann. In BER ist man derzeit dabei zu planen, wie man einen Plan für die weitere Planung zum Weiterbau bekommen könnte. Der Baubeginn für das Terminal war 2008. Für die Hochschulfusion hat man erst gar keinen Plan gemacht. Dieser darf erst nach der Gründung begonnen werden: „Bis man weiß, wohin man will, werden nach der Neugründung vermutlich schon noch zwei Jahre vergehen.“
  3. Beim Bau des Eiffelturms wurde jedes einzubauende Teil vor Ort auf seine Korrektheit überprüft. Überhaupt wurde der Bau kontinuierlich von Eiffel und seinen Ingenieuren überwacht. In BER dagegen hat man wenige Wochen nach der Ankündigung, in einer Woche zu eröffnen, angefangen zu schauen, ob denn alles nach Plan eingebaut wurde. Für die Hochschulfusion erledigt sich das Problem dadurch, dass es – siehe oben – erst gar keinen Plan gibt.

Man sieht also deutlich, dass ein Projekt wie der Eiffelturm in Brandenburg keinen Platz hätte. Nicht weil Eiffel Ausländer war, sondern weil er sich nicht an die brandenburgischen Spielregeln gehalten hätte.

Die Kunst der Grammatik

Wer im Mittelalter studieren wollte, musste zuerst die sieben freien Künste lernen. Die erste davon ist die Grammatik, die Kunst, sprachlich richtige und verstehbare Sätze zu bilden bzw. solche zu analysieren. Die zweite freie Kunst ist die Rhetorik, die Kunst der Beredsamkeit, die es als Stilmittel auch erlaubt, Abweichungen von der korrekten Grammatik einzusetzen.

Ein schönes Beispiel dafür gab gestern bei der Podiumsdiskussion im neuen Cottbuser Stadthaus die brandenburgische Wissenschaftsministerin. Auf die mehrfach geäußerte Bitte, den Nutzen der Hochschulfusion in einem Satz zusammenzufassen, antwortete sie mit einem jeweils  anderen sehr langen Satz, der nicht nur mit seiner Länge, sondern auch in der Häufigkeit des Einsatzes rhetorischer Mittel wie Ellipse und Anakoluth selbst Cicero und Seneca beeindruckt hätte.

Ich möchte vorschlagen, dass jemand die Sätze verschriftlicht, sodass die Bildungsministerin diese im kommenden Deutschabitur grammatisch und rhetorisch analysieren lassen kann, eine sicherlich hinreichend anspruchsvolle Aufgabe. Nachdem es gestern niemand gelungen war, schafft es vielleicht einer der Abiturienten herauszufinden, was die Ministerin eigentlich sagen wollte.

Antifaschistische Wissenschaftspolitik

Brandenburg ist ein leuchtendes Vorbild. Während im Osten Deutschlands immer mehr Menschen rechtsextrem denken, versucht unsere Landesregierung, sich in allen Belangen vom Faschismus abzugrenzen. Anne C. Nagel berichtet über ihre Recherchen zum Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung:

Mich hat vor allem erstaunt, dass fast alle Maßnahmen nicht einfach angeordnet wurden, sondern einem breiten Diskurs ausgesetzt waren. Nicht etwa nur in der Partei.

In Brandenburg dagegen setzt man wissenschaftspolitische Maßnahmen ohne jeden Diskurs durch. Ein wahrer Leuchtturm des Antifaschismus.

Hurra, wir schreiben Geschichte!

Jetzt ist es raus. Die Ministerin hat es selbst verraten. Bei den Fusionsplänen für die Brandenburger Hochschulen geht es nicht ums Sparen oder Mehrausgaben. Es geht nicht um Verbesserung oder Verschlechterung, auch nicht darum, einen neuen Hochschultyp zu etablieren oder einen verflossenen wiederzubeleben. Nein. Es geht um viel mehr: Brandenburg soll Geschichte schreiben.  Da ist schon das Ziel preiswürdig. So wurden schon einige der Darwin Awards an Menschen vergeben, die versucht hatten, Geschichte zu schreiben. Etwa an einen Menschen in den USA, der mit dem ersten raketengetriebenen Chevy Impala in die Annalen eingehen wollte, oder an den Berliner Rentner, der der erste sein wollte, der sein Wochenendgrundstück mittels Starkstrom maulwurfsfrei halten kann.

Wie, Sie finden die Beispiele albern, weil es ja nur Einzelpersonen sind, die Ziele eher niedrig gesteckt, und die Kandidaten es am Ende doch nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben? Es sollten doch größere, politische Ziele sein, und man müsste die Ergebnisse in den Geschichtsbüchern finden. Kein Problem: Es gab immer wieder Menschen und Staaten, die dadurch in die Geschichte eingehen wollten, dass sie Russland eroberten. Einer der frühen Kandidaten war König Carl XII von Schweden, der nach seinen militärischen Erfolgen in Deutschland und Polen ein richtiges Großprojekt angehen wollte. Ein besonders prominentes Beispiel ist Napoleon Bonaparte, der sein einschlägiges Projekt tatsächlich überlebte. Zuletzt war es Adolf Hitler, der sich daran versuchte – gegen den Willen seiner militärischen Ratgeber, die sich zunächst mit der Hauptstadt zufrieden geben wollten.

Sie sind noch nicht einverstanden? Sie möchten nicht mit Menschenverächtern und ihren menschenverachtenden Zielen in Verbindung gebracht werden? Dann wenden wir uns den erklärten Menschenfreunden zu: Karl Marx, Friedrich Engels und ihre Nachfolger wollten uns das Paradies auf Erden bringen, Bayer das ultimative Hustenmittel und IBM das papierfreie Büro. Grünenthal wollte alle Schwangerschaftsbeschwerden vergessen machen und Kaiser Wilhelm II uns herrlichen Zeiten entgegenführen. Sie alle wollten mit ihren Wohltaten Geschichte schreiben und haben auch wirklich ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden. Nun soll ihnen Brandenburg nachfolgen. Hurra, wir schreiben Geschichte.

Der strategische Föhn

Rolf Dobelli hat nachgelegt. Nach der Kunst des klaren Denkens [1] nun Die Kunst des klugen Handelns [2]. Dort widmet er auch ein Kapitel strategischen Falschangaben und der Frage, warum immer derjenige den Job, den Zuschlag, seinen Willen oder ganz einfach Recht bekommt, der die meiste heiße Luft produziert, wo große Versprechungen für Zeitpläne, Erfolgsquoten etc. gemacht werden, die sich nie und nimmer erfüllen lassen.  Er schreibt

Am anfälligsten für strategische Falschangaben sind Megaprojekte, bei denen a) niemand so richtig die Verantwortung trägt (weil zum Beispiel die Regierung, die das Projekt in Auftrag gegeben hat, schon lange wieder abgewählt wurde), Projekte, in die b) viele Unternehmen eingebunden sind, die sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben können, und bei denen c) die Fertigstellung frühestens in ein paar Jahren erwartet wird.

Für die Punkte b) und c) ist im Falle der Hochschulfusion gesorgt. Es wurden und werden mehrere Kommissionen eingesetzt, das Ministerium spielt mit, und die Hochschulen werden zwangsweise beteiligt. Da diese am längsten dabei sein werden, wird man ihnen am Ende auch die Schuld geben. Damit ist b) abgehandelt. Zu Punkt c) hat die Ministerin bereits gesagt: „2013 wird allerdings erst der Startpunkt einer Entwicklung, die von den Leuten vor Ort mit sehr viel Freiheit ausgestaltet werden muss. … Bis man weiß, wohin man will, werden nach der Neugründung vermutlich schon noch zwei Jahre vergehen.“ Das Ergebnis kann also frühestens nach der nächsten Wahl feststehen.

Als Mittel zum Schutz vor solchen Falschangaben empfiehlt Dobelli

Betrachten Sie Laufzeit, Nutzen und Kosten vergleichbarer Projekte, und verlangen Sie eine Begründung, warum der vorliegende Plan so viel optimistischer ist. Geben Sie den Plan einem Finanzmann, der ihn gnadenlos zerpflückt. Nehmen Sie eine Klausel in den Vertrag, der scharfe Geldstrafen für Kosten- und Terminüberschreitungen vorsieht. Und lassen Sie sich die Geldstrafe sicherheitshalber schon mal auf ein Sperrkonto überweisen.

Nun sollte sich die Höhe dieser Geldstrafen an der Höhe der zu erwartenden finanziellen Auswirkungen orientieren. Bei Hochschulfragen sind das – die volkswirtschaftlichen Folgen eingerechnet – schnell mal Milliardenbeträge. Hat schon jemand die finanziellen Verhältnisse von Herrn Platzeck und Frau Kunst eruiert?

Literatur:

  1. Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens, Carl Hanser Verlag (2011)
  2. Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns, Carl Hanser Verlag (2012)

Die Euro-Universität

Kurt Biedenkopf hat sich über Helmut Kohls Rolle bei der Einführung des Euro geäußert. Auf Welt Online lese ich

“Helmut Kohl war der Zeitplan letztlich wichtiger als die Stabilität”, sagte Biedenkopf dem Nachrichtenmagazin “Focus”. Darum habe Kohl auch sein politisches Schicksal mit dem Euro verbunden, was eine rationale Debatte verhindert habe.

Unwillkürlich fallen mir dabei Parallelen zur Brandenburgischen Hochschulpolitik ein. Sollte die fusionierte Hochschule nicht besser Euro-Universität heißen?

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